Kinderbuch
warten
Orange ist der Himmel,
dunkel sein Schatten
und graukratzig schlurft eine Brücke.
Festlich könnt' es sein,
denn es samtet über den Spielplätzen,
den stillen Träumern,
dem Murmelkies,
vergessenen Plastikformen
und dem sittlichen Laternenwald.
Schnee lässt von sich schnuppern,
kommt aber nicht.
Nicht heute,
nicht morgen.
Bald, wenn das Balkongeländer mündig summt
und der Mond wieder bauchfrei trägt.
Kreaturen
Taucher
Späherin
Schwimmer
Minister
der König
Frau Stundenglas
Sammler
Tänzer
Sprössling
Schneehelle Nächte
Es ist, als ob die Stille zu Boden sänke, vor einem dunkel leuchtenden Himmel, zerfetzt in unzählige Stücke. Kaum größer als Saubflusen sind sie, leichter als dein Atem, der bedächtig in der Luft steht. Niemand neben dir, keiner kommt, keiner geht. Nur deine riesige, schlummernd tappende Stille.
Die Stadt lacht leise, in ihrem neuen Hemd mit den tausend Ärmeln. Es passt wie angestaubt. Plötzlich weißt du: Du musst nicht mehr fremd sein. Und dann packst du deine Sehnsucht am Schlafittchen und läufst, mit dem Blick zuerst, über frisch gefallene Stille. Erst dann folgt dein Körper, unter dessen Schritten die Stille dumpf zerknackt. Das Vertraute, das du niemals fassen wirst, ist ganz nah, während deine Spuren für einige Augenblicke das Nachthemd der Stadt säumen. Bis die Stille sie wieder scheinbar gänzlich verwischt hat.
Wirre Träume
In wirren Träumen sprießen Felle aus glatten Kaffeetassenschalen, leere Steinaugen sehen zu. In wirren Träumen isst man Eis mit Fahrradschlauchgeschmack, während weiße Ziegen sehnsuchtsvoll durch Treppengeländer blöken. Alles nimmt Form an, zerfasert, verpufft in Vertrautheit. Es ist die Zeit der Unterwasserinsekten, die Frisuren aus Kiemenfächern tragen und immer von unten nach oben blicken. Ihr Nacken wächst in einem Bogen, weil sie dazu geboren werden unter Steinen zu leben und im Schatten Gefahren aufzulauern. In wirren Träumen verspannt sich alles zu einem Netz. Auf Helles folgt Dunkles, das ist die einzige Regel des Webstuhles deiner Träume. Jeder Flügelschlag, jeder blanke Koboldblick, jeder fallende Tintenstrich hält sich daran. So trägt dich das Netz. Selbst wenn du meinst, in Leere zu schwinden oder in Finsternis zu ertrinken.
Honigglühen
Entdeckung eines Forschungstouristen
Als ich heute Morgen das Hotel verließ, um nach einer Tasse Kaffee Ausschau zu halten, erblickte ich ihn. Er hatte sich über Nacht mit Beharrlichkeit entfaltet, wie flaches Plakat, das den Umriss einer Tanne nachahmte. Als Grund für seine offensichtliche Unverrückbarkeit stellte sich heraus, dass er in uralten Zeiten einmal aus Metall gegossen worden war. Ich erkannte es sofort an dem eigentümlichen Schimmer, der von ihm ausging. Ähnlich dem Querschnitt einer wenig eleganten Igel-Zeichnung, spreizte er seine klobigen Stacheln gen Westen und Osten. Umrundete man diese mit interessiertem Kennerblick, gelangte man auf seiner Nordplatte zu einem leergefegten Becken: Rundbauchig und ebenfalls aus Metall gefertigt. Als ich interessiert die Schnauze über seine zierliche Kante schob, konnte ich schwach, aber deutlich den Geruch von kaltem Wachs erschnuppern. Da wurde mir plötzlich mit voller Wucht bewusst: Ich hatte es mit einem getarnten, seltsam verkleideten Wachsvulkan zu tun. Vor Triumph hätte ich beinahe genießt. Oder gejohlt. Oder sonst etwas Spontanes getan. Doch pflichtbewusst, wie ich nun einmal war, zückte ich meine Kamera und knipste ein paar äußerst schmeichelhafte Fotos. Durch meine jahrelange Erfahrung als Forschungstourist gelang mir dies mit Leichtigkeit und den Ergebnissen mangelte es nicht an Prägnanz. Nachdem dies getan war, konnte ich wieder aufatmen, denn die Beweise waren gesichert.
Zufrieden wandte ich mich ab und steuerte beschwingten Schrittes auf die Bäckerei am anderen Ende des morgenkalten Marktplatzes zu. Ein heimeliger Geruch nach Kaffee hatte mich an der Angel. Als ich mich noch einmal umsah, bemerkte ich wie das Morgenlicht die Spitze der Tannenkrone orange aufleuchten ließ. 'Ein Echo eines fernen Alpenglühens', dachte ich, denn es war ein epischer Moment. Doch die Angelschnur war bereits straff gespannt und ich fügte mich ohne großen Widerstand. Noch ahnte ich nicht, dass im Verlauf des Tages meine Kamera von einem Krokussil verspeist und mit ihr all mein Beweismaterial hinter blau violetten Zähnen zerblättern würde. Hätte ich das geahnt, hätte ich dem Wachsvulkan noch etwas länger beim Glühen zugesehen.
Figuren
Caliban
Ariel
Nereide
Im Freien
An Knöcheln Ärmel tragen,
die Symmetrie meiden.
An ferne Gärten denken,
in denen man wünschte
sich zu verirren.
Man wünschte sich eine Maske
aus hellen Schatten,
durch die man von außen verschwimmt
und von innen heraus
in Ruhe sehen kann.
Auf Lippen Sprünge wagen,
die Höhe ankreiden.
An ferne Brunnen denken,
an denen man träumte
sich zu verlieren.
Man dachte sich einen gezähmten Hunger
und bekam ein stelzendes Zittern.
Man dachte sich gebändigte Tränen
und bekam ein kratzendes Lemurentier,
das zudem noch hungrig war.
Es servierte unter Gelächter
allerlei Rohes und Gefrorenes.
Die Haare binden,
Nachbuchstabiertes und Kopiertes meiden.
Weit in Gärten wandern,
sich in Brunnen spiegeln.
Besser, man läuft und taucht
im Freien.